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DAS BEDEUTUNGSLOSESTE DEBAKEL ALLER ZEITEN

Promillechancen und Fotoshooting mit Trikot das nie gespielt wird.



Es war der 15. Mai 1974, ein Mittwoch, als der FC Bayern in Brüssel erstmals in einem Endspiel des Europapokals der Landesmeister stand. Gegner im Heysel-Stadion: Atlético Madrid. Nach torlosen 90 Minuten traf Luis Aragonés in der 114. Minute zum 1:0. Dann aber kam Vorstopper Hans-Georg Schwarzenbeck, genannt "Katsche", Franz Beckenbauers ewiger Edelhelfer, und hämmerte den Ball Sekunden vor Ende der Verlängerung aus gut 25 Metern zum Ausgleich ins linke Eck. Und weil es damals im Finale noch kein Elfmeterschießen gab, stand ein Wiederholungsspiel an. "Dass das zwei Tage später stattfindet", sagt Dürnberger, "haben wir dann in der Kabine erfahren."


Am folgenden Freitagabend gewannen die Bayern vor halbleeren Rängen locker 4:0, zweimal traf Gerd Müller, zweimal Uli Hoeneß. Der erste Triumph im Europapokal der Landesmeister war perfekt. Dann ging es zum Feiern, bei einem großen Gelage samt Ehefrauen im Mannschaftshotel ein wenig außerhalb Brüssels. Einige Spieler fuhren tief in der Nacht noch in eine Bar im Stadtzentrum, als sie zurückkehrten, war es schon wieder hell. Eigentlich nicht so verwunderlich, immerhin war es der bis dahin größte Triumph der Vereinsgeschichte. Ungewöhnlich aber war: Am Nachmittag, 15.30 Uhr, stand das Auswärtsspiel in Gladbach ein. Bundesliga, 34. Spieltag.


"Geschlafen hat von uns in dieser Nacht keiner", sagt Bernd Dürnberger, "irgendwann am Morgen kam im Hotel von Robert Schwan die Ansage, dass der Bus um 11 Uhr abfährt." Schwan war der Manager der Bayern, deren großes Glück war, dass sie mit drei Punkten Vorsprung auf Gladbach (damals galt noch die Zwei-Punkte-Regel pro Sieg) bereits vor dem Saisonabschluss als Deutscher Meister feststanden - deshalb war ihnen das Spiel auch herzlich egal.


Auf der Fahrt von Brüssel Richtung Bökelberg fielen manchen im Bus die Augen zu, andere füllten, wie Sepp Maier einmal erzählte, Schampus in den Henkelpott und reichten ihn durch die Reihen. "Unterwegs sind wir in einem Gasthaus noch schnell auf ein Mittagessen eingekehrt", erzählte Schwarzenbeck, es war nach viel Flüssigkeitszufuhr endlich wieder etwas feste Nahrung. "Und zum Anpfiff am Bökelberg haben wir's dann gerade noch so rechtzeitig geschafft."


Vor Spielbeginn schlug Manager Schwan im Gladbacher Mittelkreis mit Pfeife im Mund einen Purzelbaum, eine eingelöste Wette nach dem Europacup-Triumph, während Torhüter Maier zeitgleich die Chancen auf einen Sieg auf "drei Promille" bezifferte.

Kleine Kuriositäten am Rande… vor dem Spiel wurden 2 Mannschaftsfotos des FC Bayern gemacht. Das eine mit dem Europacup, das zweite mit einem neuen Trikot von adidas, welches aber danach nicht mehr eingesetzt wurde. Dabei war die Auflage des Trikots wohl auch noch streng limitiert, denn Erwin Hadewicz (rechts unten) bekam keins und musste das wohl durch die Körperhaltung versuchen zu kaschieren.


"Beckenbauer hatte Standschwierigkeiten" Im Spiel selbst trabten die Bayern entsprechend orientierungslos umher, im Bericht des ZDF-Sportstudios umschrieb der Kommentator später höflich: "Uli Hoeneß verständlicherweise kraftlos." Oder: "Nicht nur Beckenbauer hatte Standschwierigkeiten." Eine halbe Stunde hielten die tapferen Münchner das 0:0, dann brachen sie ein, zur Halbzeit führte Gladbach 4:0, am Ende stand es 5:0.

Bei jedem Gegentreffer hielt Bayern-Trainer Udo Lattek den an der Seitenlinie platzierten Europacup in die Höhe. Getreu dem Motto: schießt Tore, so viel ihr wollt - wir haben die Trophäen!


Einzig Gerd Müller nahm die Partie richtig ernst, schließlich ging es noch um den Titel des Torschützenkönigs. Mit zwei Treffern Vorsprung ging Müller ins Spiel, am Ende teilte er sich die Torjägerkanone mit dem Doppel-Torschützen der Gladbacher an diesem Nachmittag: Mit Jupp Heynckes, dem späteren Bayern-Trainer.


Am Abend fuhren die Bayern nach München zurück. Mit Meisterschale und dem Europapokal. Und wahrscheinlich immer noch nicht völlig nüchtern. Spieler wie Bernd Dürnberger, dem nach Titeln erfolgreichsten deutschen Fußballprofi, der nie ein A-Länderspiel bestritt, traten dann den Sommerurlaub an. Sieben andere gingen zur Nationalmannschaft: Maier, Breitner, Beckenbauer. Müller, Hoeneß, Schwarzenbeck - und Jupp Kapellmann, der allerdings zu keinem WM-Einsatz kam. Vorbereitung auf die Heim-WM. Immerhin stand das erste Gruppenspiel erst am 14. Juni gegen Chile an. Fast vier Wochen nach Brüssel und Gladbach. Am Ende gewannen sie auch den Weltmeistertitel.





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